Re-Engagement mit ActiveCampaign bedeutet: Inaktive Kontakte mit einem Score-Modell identifizieren, mit einer zwei- bis dreiteiligen Automation gezielt ansprechen und am Ende binär entscheiden – reaktiviert oder abgemeldet. Wer das nicht tut, zahlt monatlich für Kontakte, die seine Mails ignorieren, und beschädigt dabei die Absenderreputation seiner Domain gegenüber allen ISPs, bei denen diese Kontakte registriert sind.
Das Wichtigste in Kürze
- Inaktivität beginnt je nach Versandfrequenz ab 60 bis 90 Tagen ohne Öffnung oder Klick – bei täglich versendenden Listen früher, bei monatlichen Newslettern entsprechend später.
- Lead Scoring in ActiveCampaign macht Inaktivität messbar und löst die Re-Engagement-Automation präziser aus als ein reiner Zeitraumfilter.
- Eine Re-Engagement-Sequenz braucht mindestens zwei, idealerweise drei E-Mails; danach kommt eine klare Entscheidung: Tag "reengaged" oder Abmeldung.
- ISPs im DACH-Raum – GMX, Web.de und T-Online – reagieren sensibler auf schlechte Engagement-Raten als viele andere europäische Provider.
- Regelmäßige Bereinigung reduziert den aktiven Kontaktzähler bei ActiveCampaign und damit direkt die monatlichen Kosten.
Was inaktive Kontakte wirklich kosten – Tarif und Zustellbarkeit
Inaktive Kontakte verursachen zwei Schäden gleichzeitig. Der erste betrifft den Tarif: ActiveCampaign berechnet seine Pläne nach der Anzahl aktiver Kontakte. Kontakte, die seit einem Jahr keine E-Mail geöffnet haben, zählen trotzdem mit – solange sie in der Liste stehen und nicht abgemeldet sind. Bei größeren Listen mit typischer Inaktivitätsquote kann das schnell 20–30 % des monatlichen Tarifs ausmachen, die für Menschen bezahlt werden, die die Kommunikation nicht lesen.
Der zweite Schaden ist struktureller Natur: Wenn ein erheblicher Teil der Empfänger Mails dauerhaft ignoriert, registrieren ISPs das als Signal für schlechte Sendequalität. Die Folge sind schlechtere Platzierungen im Posteingang – nicht nur bei den Inaktiven, sondern bei allen Empfängern auf denselben Mailservern. E-Mail-Anbieter wie Gmail und Outlook bewerten jede Absenderdomain kontinuierlich auf Basis des Engagements. Sinkt die Engagement-Quote dauerhaft, landen auch gut formulierte Mails an aktive Kontakte häufiger im Spam-Ordner oder im Promotions-Tab.
Für DACH-Verteiler kommt ein dritter Faktor hinzu: GMX, Web.de, Freenet und T-Online filtern aggressiver als viele andere europäische Provider und reagieren schneller auf schlechte Engagement-Daten. Wer mehr als 30 % seiner Kontakte bei diesen Providern hat, merkt Zustellprobleme früher als Versender mit primär internationaler Empfängerbasis. Wie Engagement-Tracking in ActiveCampaign dabei hilft, Probleme früh zu erkennen, ist ein sinnvoller Schritt vor der Bereinigung.
Ab wann gilt ein Kontakt als inaktiv?
Es gibt keine allgemeingültige Schwelle, aber eine Faustregel, die in der Praxis trägt: Ein Kontakt gilt als inaktiv, wenn er innerhalb der letzten 90 Tage weder eine E-Mail geöffnet noch einen Link geklickt hat – und du in dieser Zeit mindestens sechs E-Mails versendet hast. Die Kombination aus Zeitraum und Mindestversandmenge verhindert, dass Kontakte als inaktiv markiert werden, die nur zufällig in einer sendearmen Phase waren.
Inaktivitätsschwellen nach Versandfrequenz
Die 90-Tage-Regel passt für wöchentliche oder zweiwöchentliche Versender. Wer täglich oder mehrmals pro Woche versendet, kann die Schwelle auf 30 bis 60 Tage absenken – bei täglichem Versand hat ein Kontakt nach 30 Tagen rein rechnerisch 30 Mails erhalten und keine einzige geöffnet. Das ist ein eindeutiges Verhaltenssignal. Wer dagegen nur monatlich versendet, sollte die Frist auf 180 Tage oder mehr anheben, weil 90 Tage hier oft nur zwei bis drei Versandvorgänge umfassen und ein Einzelergebnis kein belastbares Muster ergibt.
Im B2B-Bereich gilt häufig eine längere Toleranzfrist als im B2C. Kaufentscheidungszyklen sind länger, Beziehungen komplexer, und ein Kontakt, der heute nicht öffnet, kann in drei Monaten der relevanteste Gesprächspartner sein. Viele B2B-Teams setzen deshalb 180 Tage als Inaktivitätsgrenze, kombiniert mit einem zusätzlichen Blick auf Website-Besuche über das ActiveCampaign Site Tracking oder CRM-Aktivitäten im Deals-Bereich.
Warum DACH-Empfänger strenger bewertet werden
Die großen deutschen E-Mail-Provider setzen eigene Spam- und Engagement-Filter ein, die in einigen Punkten restriktiver arbeiten als Google oder Microsoft. Wer einen hohen Anteil Kontakte bei GMX, Web.de oder T-Online hat, sollte seine Re-Engagement-Strategie früher ansetzen als internationale Versender. Eine hohe Rate dauerhaft inaktiver Empfänger bei diesen Providern kann dazu führen, dass selbst qualitativ hochwertige Mails an aktive Kontakte im selben Verteiler im Spam landen – weil die Domain bereits negativ bewertet ist.
Ein weiterer DACH-Aspekt: Die DSGVO stellt keine explizite Frist für die Löschung inaktiver Kontakte auf, empfiehlt aber das Prinzip der Datensparsamkeit. Ein Kontakt, der seit zwei Jahren keine E-Mail geöffnet hat und bei dem keine aktive Geschäftsbeziehung mehr vorliegt, sollte mit einer dokumentierten Begründung aus dem System entfernt werden. Eine funktionierende Re-Engagement-Automation liefert diese Dokumentation automatisch über das Automation-Log.
Lead Scoring als Grundlage: Inaktivität automatisch messen
Lead Scoring in ActiveCampaign ordnet Kontakten Punkte zu, die auf ihrem tatsächlichen Verhalten basieren. Im Kontext von Re-Engagement geht es nicht darum, heiße Leads für den Vertrieb zu identifizieren, sondern Inaktivität präzise messbar zu machen: Wessen Score über einen längeren Zeitraum gegen null sinkt, ist ein Kandidat für die Re-Engagement-Automation. Das ist zuverlässiger als ein reiner Zeitraumfilter, weil es echtes Verhalten abbildet statt nur Kalendertage zu zählen.
Welche Kriterien ein Re-Engagement-Score braucht
Für einen wirkungsvollen Re-Engagement-Score brauchst du zwei Kategorien: Punkte, die für Aktivitäten vergeben werden, und eine definierte Verfallszeit für diese Punkte. Ohne Verfallszeit bleibt ein Kontakt, der vor acht Monaten einmal geklickt hat und seitdem nichts mehr getan hat, auf einem zu hohen Score – die Automation löst nicht aus, obwohl er längst inaktiv ist. Eine mögliche Punkteverteilung:
- E-Mail geöffnet: +5 Punkte, Verfallszeit 60 Tage
- Link in E-Mail geklickt: +10 Punkte, Verfallszeit 60 Tage
- Website-Besuch über Site Tracking: +8 Punkte, Verfallszeit 60 Tage
- Formular ausgefüllt oder Kauf getätigt: +25 Punkte, Verfallszeit 90 Tage
Ein Kontakt, der regelmäßig öffnet und klickt, hält sich deutlich über der Aktivitätsschwelle. Ein Kontakt, der seit 60 Tagen nichts mehr tut, läuft durch die ablaufenden Punkte automatisch unter den Schwellenwert – ohne manuelle Prüfung. Das ist der Kern des Modells: nicht Kalenderzeit messen, sondern Verhalten gewichten.
So richtest du das Lead Scoring in ActiveCampaign ein
Das Lead-Scoring-Feature steht ab dem ActiveCampaign-Plan "Plus" zur Verfügung. Die Einrichtung dauert mit dem folgenden Pfad etwa 15 Minuten:
- Navigiere zu Kontakte → Bewertung (obere Navigation, rechts).
- Klicke auf "Bewertung hinzufügen" und wähle "Kontaktbewertung" aus.
- Vergib einen eindeutigen Namen, zum Beispiel "Engagement-Score-RE".
- Füge unter "Szenarien" die ersten Vergabepunkte hinzu: Wähle "E-Mail geöffnet", trage den Punktwert ein und stelle eine Verfallszeit von 60 Tagen ein.
- Wiederhole diesen Schritt für "Link in E-Mail geklickt" und – falls du Site Tracking nutzt – für Website-Besuche.
- Speichere die Bewertung. Der Score wird ab diesem Zeitpunkt für neue Aktivitäten berechnet; historische Öffnungen und Klicks werden nicht rückwirkend eingetragen.
Plane daher 30 bis 60 Tage ein, bevor du die Automation auf Basis des Scores aktivierst. In dieser Zeit füllt sich der Score mit realen Daten. Wer sofort starten will, kann übergangsweise mit einem Zeitraumfilter arbeiten – für eine detaillierte Anleitung zum gesamten Modellaufbau liefert der Artikel zum Lead Scoring in ActiveCampaign den vollständigen Rahmen.
So baust du die Re-Engagement-Automation auf – Schritt für Schritt
Das Ziel dieser Automation: Jeder Kontakt, dessen Engagement-Score unter einen definierten Schwellenwert fällt, durchläuft automatisch eine dreiteilige Reaktivierungssequenz. Wer nach der dritten E-Mail nicht reagiert, bekommt den Tag "inactive-cleanup" und wird aus aktivem Versand herausgefiltert. Die gesamte Sequenz läuft ohne manuelle Eingriffe.
- Navigiere zu Automationen → Erstellen → Neue Automation → Von Grund auf neu erstellen.
- Wähle als Trigger "Kontaktbewertung ändert sich". Wähle deinen "Engagement-Score-RE" und stelle die Bedingung auf "fällt unter 15 Punkte" (oder den Schwellenwert, den du im Score-Modell definiert hast).
- Füge direkt nach dem Trigger eine Bedingungsprüfung ein: Nur fortfahren, wenn der Kontakt weder das Tag "reengaged" noch das Tag "inactive-cleanup" trägt. Das verhindert, dass bereits bearbeitete Kontakte erneut in die Sequenz eintreten.
- Füge einen Warte-Schritt ein: "Bis nächster Dienstag oder Donnerstag, 10:00 Uhr". Das verzögert den Versand auf Tage mit erfahrungsgemäß höheren Öffnungsraten im B2B-Kontext.
- Füge den Schritt "E-Mail senden" ein: Erste Re-Engagement-Mail mit weichem Betreff, kein Incentive.
- Warte 7 Tage. Füge dann eine Wenn/Sonst-Verzweigung ein: Bedingung "Kontakt hat E-Mail geöffnet oder geklickt".
- Wenn ja: Tag "reengaged" zuweisen, Automation beenden.
- Wenn nein: Zweite E-Mail senden mit einem konkreten Mehrwert oder Angebot.
- Erneut 7 Tage warten, dann dieselbe Wenn/Sonst-Prüfung. Bei Reaktion: Tag "reengaged", Automation beenden.
- Keine Reaktion nach E-Mail 2: Dritte und letzte E-Mail senden – klar formuliert, mit explizitem Hinweis auf die bevorstehende Abmeldung.
- 5 Tage warten, abschließende Prüfung: Reaktion → Tag "reengaged". Keine Reaktion → Tag "inactive-cleanup" zuweisen, optional Kontakt von allen Listen abmelden.
Die Automation abonniert den Kontakt nicht zwingend ab – das ist eine bewusste Entscheidung. Viele Teams entscheiden sich dafür, den Kontakt mit dem Tag "inactive-cleanup" zu versehen und ihn aus allen aktiven Kampagnensegmenten herauszufiltern, statt ihn vollständig zu löschen. Vorteil: Die Daten bleiben erhalten. Kommt derselbe Kontakt später durch eine Transaktion oder ein neues Opt-in zurück, kann er wieder in den aktiven Verteiler aufgenommen werden, ohne dass die Kontakthistorie verloren geht.
Was in den drei Re-Engagement-E-Mails stehen sollte
Die drei E-Mails folgen einer klaren Eskalationslogik: weich, konkret, abschließend. Jede hat eine andere Funktion. Wer alle drei mit demselben Grundton schreibt, verschwendet die Sequenz – die erste E-Mail muss nicht dieselbe Wirkung erzielen wie die dritte; sie muss nur ihre eigene Stufe erfüllen.
E-Mail 1: Erinnerung ohne Druck
Die erste E-Mail signalisiert, dass du die Inaktivität bemerkt hast, ohne Druck aufzubauen. Betreffzeilen wie "Alles gut bei dir?" oder "Wir haben dich eine Weile nicht gesehen" erzielen in Re-Engagement-Sequenzen überdurchschnittliche Öffnungsraten, weil sie Neugier wecken statt Dringlichkeit zu erzeugen. Der Inhalt ist kurz: eine Zeile Kontext, eine direkte Frage, ein einzelner CTA-Link. Kein Rabatt, kein Druck. Wer auf diese Mail nicht reagiert, braucht entweder einen konkreteren Anreiz – oder er ist endgültig weg.
Für die erste E-Mail funktioniert ein textbasiertes Format ohne Bilder und aufwändige Layouts oft besser als ein vollgestalteter Newsletter. Es wirkt persönlicher und signalisiert, dass du individuell auf den Kontakt eingehst. Personalisierungs-Tags für den Vornamen verstärken diesen Eindruck, ohne aufwändige Segmentierung zu erfordern.
E-Mail 2: Mehrwert oder Incentive
Die zweite E-Mail nennt einen konkreten Grund zum Bleiben. Das muss kein Rabatt sein – im B2B-Bereich performen Gratis-Ressourcen, Leitfäden oder exklusive Inhalte oft besser als Preisnachlässe. Entscheidend ist, dass das Angebot zum Segment passt. Wer seine Liste nach Interessen segmentiert hat, kann hier auf den spezifischen Themenbereich des Kontakts eingehen. Betreffzeilen, die einen konkreten Vorteil benennen, bevor sie auf die drohende Abmeldung hinweisen, performen in dieser zweiten E-Mail besser als reine Erinnerungsformulierungen.
Finanzielle Incentives sollten hier frühestens erscheinen – nicht schon in E-Mail 1. Wer sofort mit Rabatten beginnt, signalisiert, dass Inaktivität belohnt wird. Das schafft falsche Anreize und verschlechtert langfristig die Listenqualität.
E-Mail 3: Letzte Chance mit klarer Konsequenz
Die dritte E-Mail ist explizit: "Das ist unsere letzte Nachricht an dich – wenn du nicht reagierst, melden wir dich von unserem Verteiler ab." Diese Klarheit ist kein Risiko, sondern Teil der Strategie. Kontakte, die auch jetzt nicht reagieren, wollen abgemeldet werden – und genau das ist das richtige Ergebnis. Die wenigen, die durch diese Ehrlichkeit reaktiviert werden, sind wertvoller als durch weichere Formulierungen gewonnene Scheinengagements, die nach zwei Wochen wieder inaktiv werden. Der CTA in dieser E-Mail ist ein einfacher Bestätigungslink: "Ja, ich möchte weiterhin E-Mails erhalten."
Preference Center: Inaktiven Kontakten Kontrolle zurückgeben
Ein Preference Center ist eine Seite, auf der Empfänger ihre Interessen und Versandfrequenz selbst einstellen können. In ActiveCampaign wird es über ein benutzerdefiniertes Formular abgebildet, das auf bestimmte Tags oder Listenmitgliedschaften schreibt. Im Kontext von Re-Engagement ist das besonders nützlich, wenn dein Verteiler thematisch breit aufgestellt ist: Ein Kontakt könnte deine Produktneuheiten nicht mehr relevant finden, aber weiterhin an einem Branchen-Newsletter interessiert sein.
Der Vorteil gegenüber einer reinen Abmeldung: Du behältst den Kontakt, reduzierst aber die Versandfrequenz oder passt den Inhalt an. Das senkt die Inaktivitätsrate ohne Listenverlust. Technisch setzt du das über ein Formular um, das an Tags oder Listenmitgliedschaften koppelt und per Link in der zweiten Re-Engagement-E-Mail aufgerufen werden kann. So bietest du eine aktive Alternative zur Abmeldung – und sammelst gleichzeitig Daten über das tatsächliche Interesse der Kontakte.
Typische Fehler bei Re-Engagement-Kampagnen
Die häufigsten Fehler entstehen nicht durch falsche Entscheidungen, sondern durch übersprungene Schritte im Aufbau. Wer eine Automation startet, ohne vorher das Score-Modell einzurichten, beschickt Kontakte auf Basis eines reinen Zeitraumfilters – ohne zu berücksichtigen, ob dieser Zeitraum repräsentativ ist. Das führt zu falsch-positiven Ergebnissen und unnötiger Kommunikation mit Kontakten, die tatsächlich noch aktiv sind.
- Zu früh ansetzen: Kontakte, die 30 Tage nicht geöffnet haben, sofort als inaktiv zu markieren und mit der Sequenz zu beschicken, wirkt aufdringlich und kann zu Abmeldungen führen, die ohne die Kampagne nicht passiert wären.
- Nur eine E-Mail versenden: Eine einzelne Re-Engagement-Mail hat gegenüber einer dreiteiligen Sequenz deutlich geringere Erfolgsquoten. Der Aufwand für zwei zusätzliche E-Mails ist gering; der Unterschied im Ergebnis erheblich.
- Reaktivierte Kontakte nicht taggen: Wer nach der Sequenz nicht trackt, wen er zurückgewonnen hat, kann diesen Kontakten keine zielgerichtete Folgekommunikation schicken und verliert den Reaktivierungseffekt schnell wieder.
- Abgemeldete Kontakte sofort löschen: Die DSGVO verpflichtet nicht zur sofortigen Löschung; sie untersagt nur aktiven Versand ohne Einwilligung. Es empfiehlt sich, abgemeldete Kontakte für eine definierte Frist zu behalten, um versehentliche Neuimporte zu blockieren.
- Die Automation ohne Endschutz laufen lassen: Wenn der Trigger "Score fällt unter X" nach Abschluss der Sequenz erneut feuert, landet der Kontakt in einer Schleife. Die Tag-Prüfung am Eingang der Automation verhindert das – sie ist nicht optional.
Wann Re-Engagement nicht das richtige Mittel ist
Re-Engagement ist kein Allheilmittel. Es gibt Szenarien, in denen eine Kampagne mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt oder schlicht keine realistische Erfolgsaussicht hat.
Sehr alte Kontakte – inaktiv seit mehr als 18 bis 24 Monaten – haben in der Regel einen konkreten Grund für ihre Inaktivität: Sie haben die E-Mail-Adresse gewechselt, das Interesse ist grundsätzlich erloschen, oder sie erinnern sich nicht mehr an den Absender. Eine Re-Engagement-Kampagne an diese Gruppe erzeugt häufig keine Öffnungen, dafür aber Spammarkierungen – weil der Kontakt den Absender nicht mehr erkennt. Empfehlung: Kontakte mit mehr als 18 Monaten Inaktivität direkt bereinigen, ohne vorherige Reaktivierungssequenz.
Nicht sinnvoll ist Re-Engagement außerdem bei transaktionalen Kontakten. Wer Bestellbestätigungen, Rechnungen oder Versandbenachrichtigungen versendet, bewegt sich in einem anderen kommunikativen Rahmen. Inaktivitätsscores für Marketing-E-Mails sollten transaktionale Interaktionen nicht einbeziehen – sonst verzerrt sich das Bild erheblich, weil ein Klick auf eine Versandbestätigung kein Interesse an Marketing-Inhalten signalisiert.
In Branchen mit langen Kaufzyklen – Immobilien, Investitionen, Unternehmensberatung – kann ein Kontakt jahrelang passiv bleiben und trotzdem bei der richtigen Gelegenheit relevant werden. Hier ist eine thematische Segmentierung des Verteilers oder eine Absenkung der Versandfrequenz sinnvoller als eine Inaktivitätsbereinigung.
Automation oder manuelle Listenbereinigung: Was wann passt
Kriterium | Manuelle Bereinigung | Re-Engagement-Automation |
|---|---|---|
Aufwand initial | Gering (einmalige Filterung) | Höher (Score-Setup und Automation) |
Aufwand laufend | Hoch (regelmäßige Wiederholung) | Gering (läuft dauerhaft automatisch) |
Reaktivierungsrate | Keine (Kontakte werden direkt entfernt) | 5–15 % der beschickten Kontakte |
Datenverlust | Permanent bei Löschung | Kontrolliert durch Tag-basierte Trennung |
Nachvollziehbarkeit | Abhängig von manueller Dokumentation | Automatisch durch Automation-Log |
Geeignet für | Einmalige Bereinigung alter Bestandslisten | Laufende Listenhygiene ab ca. 500 Kontakten |
Für die meisten aktiv wachsenden Listen empfiehlt sich die Kombination: einmalige manuelle Bereinigung sehr alter Bestände am Anfang, dann laufende Automation für alle neuen Inaktiven. So reduziert man den initialen Berg an inaktiven Kontakten und verhindert gleichzeitig, dass er sich wieder aufbaut.
Häufige Fragen
Wie lange sollte eine Re-Engagement-Sequenz maximal dauern?
Drei bis vier Wochen sind ein realistischer Rahmen: sieben Tage zwischen den drei E-Mails plus je fünf Tage für die finale Prüfung. Wer den Zeitraum kürzer wählt, wirkt aufdringlich; wer ihn deutlich länger wählt, verliert den Momentum-Effekt und verlängert die Zeit, in der inaktive Kontakte weiterhin als aktiv im Tarif zählen. Der gesamte Sequenzzeitraum sollte kürzer sein als die Inaktivitätsfrist, die die Automation ausgelöst hat.
Was passiert mit Kontakten, die eine Re-Engagement-Mail öffnen, aber nicht klicken?
Eine Öffnung ohne Klick gilt technisch als Reaktion – sofern der Score dafür Punkte vergibt. In der Praxis ist Vorsicht angebracht: Seit Apples Mail Privacy Protection (aktiv ab iOS 15) lädt iOS E-Mails vorab und markiert sie als geöffnet, auch wenn der Empfänger die Mail nie tatsächlich gelesen hat. Das verzerrt Öffnungsraten spürbar. Ein Klick ist das robustere Signal. Wer sichergehen will, setzt in der Wenn/Sonst-Verzweigung die Bedingung auf "geklickt" statt "geöffnet oder geklickt".
Kann ich die Re-Engagement-Automation auch ohne Lead Scoring aufbauen?
Ja, aber mit Einschränkungen in der Präzision. Ohne Score-Modell arbeitest du mit einem reinen Zeitraumfilter: Kontakte, deren letztes Öffnungsdatum mehr als 90 Tage zurückliegt. Diesen Filter findest du in ActiveCampaign unter Kontakte → Erweiterte Suche → "Letzte aktive E-Mail-Öffnung liegt vor …". Das ist ein guter Ausgangspunkt für kleinere Listen. Für Listen ab 1.000 Kontakten lohnt das Score-Modell, weil es Verhaltensunterschiede differenzierter abbildet und Fehlauslösungen reduziert.
Wie beeinflusst das Löschen inaktiver Kontakte meinen ActiveCampaign-Tarif?
Direkt und messbar. ActiveCampaign berechnet die Kontaktanzahl auf Basis aller aktiven, nicht abgemeldeten Kontakte. Wer regelmäßig inaktive Kontakte abmeldet oder löscht, reduziert diesen Zähler und kann gegebenenfalls in ein günstigeres Preissegment wechseln. Für Konten ab 5.000 Kontakten mit einer typischen Inaktivitätsquote von 20–30 % kann das bei konsequenter Bereinigung einen Stufenwechsel im Tarif bedeuten – mit spürbaren Auswirkungen auf die monatliche Abrechnung.
Wann sollte ich einen Kontakt endgültig löschen statt nur abzumelden?
Eine Abmeldung entfernt den Kontakt aus aktivem Versand, hält aber die Daten vor. Eine endgültige Löschung ist sinnvoll, wenn der Kontakt seit mehr als 24 Monaten inaktiv ist, keine aktive Geschäftsbeziehung mehr vorliegt und kein realistisches Reaktivierungsszenario absehbar ist. Aus DSGVO-Perspektive empfiehlt sich die Löschung in diesem Fall, weil keine rechtliche Grundlage für die weitere Datenspeicherung mehr besteht. Das Automation-Log in ActiveCampaign liefert die notwendige Dokumentation für diese Entscheidung.
Wer den Aufbau der Automation abgeschlossen hat und sicherstellen will, dass seine Domain auch langfristig gute Zustellbarkeit behält, findet im Artikel zur Domain-Reputation im E-Mail-Marketing die nächsten konkreten Schritte – von der DKIM-Konfiguration bis zum Feedback-Loop-Management.


